Aphorismen

Das griechische Wort aphorismόs kann mit „Abgrenzung“ oder „Definition“ übersetzt werden. Für mich sind Aphorismen oft tatsächlich abgrenzende Definitionen, philosophische Ortsbestimmungen für Themen in einer aus den Fugen geratenen Welt. Heraklit gilt als der erste Aphoristiker und somit als Begründer einer Gattung, in der Literatur und Philosophie eine ganz kurz gefasste, prägnante Verbindung eingehen.

Nachfolgend ausgewählte Aphorismen aus meinem Band „Glatte Lügen“ und ein paar neuere aus meiner Aphorismen-Werkstatt.

„Erst die schweigende Mehrheit ermöglicht das schreiende Unrecht.“

„Am meisten profitieren jene von der Meinungsfreiheit, die sie am liebsten abschaffen würden.“

„Glatte, schöne Lügen sind anziehend. Wer will dagegen raue, ungeschminkte Wahrheiten?“

„Tatsachen existieren unabhängig von Meinungen, Meinungen leider immer öfter unabhängig von Tatsachen.“

„Wer die Hände in den Schoß legt, kann sie nicht gleichzeitig in Unschuld waschen.“

„Leider haben Ahnungslose meist auch keine Ahnung davon, dass sie keine haben.“

„Lobbyismus ist ein wohlklingendes Wort für organisierte Korruption.“

„Wenn der Unsinn blüht, schwärmen die Idioten.“

Illustratives Porträtbild von Gregor Stefan Heuwangl 7.2022
Illustratives Porträtbild von Gregor Stefan Heuwangl 6.2022

Lyrik

Während meines Studiums in Freiburg habe ich viel mit Prosa und Lyrik experimentiert und erste Erzählungen und Gedichte geschrieben.

Damals bin ich leider nicht am Ball geblieben. Es fehlte an der nötigen Gelassenheit gegenüber den eigenen Unzulänglichkeiten und Fehlern.

Die beiden folgenden, 2019 entstandenen Gedichte sind meiner Faszination für die absurden Gesetzmäßigkeiten zu verdanken, die unsere Welt im ganz Kleinen zusammenhalten. Der Arbeitstitel für den vielleicht einmal erscheinenden Band lautet bisher: „Anomalie Leben“.

Quantenmechanik

Du siehst dich selbst,
eine abrupte Bewegung
im Spiegel, kurz der Eindruck
von etwas gänzlich
Fremdartigem,
Furchterregendem.
Dann entdeckst du dein
müdes, graues Gesicht
– es ist nichts.
Schaust du weg,
fehlst du bereits
vollständig.

Wieder nichts

All das wiegt im Grunde – nichts:
Energieskelette, punktgeschweißt
von wellenförmigen Bewegungen
und ihren Wechselwirkungen.
Gewichtslose Elementarteilchen,
durch unsichtbare Kräfte
in atomare Spinnennetze geheftet.
Dazwischen die weit
gespannte Leere,
erhellt nur gespenstisch vom Flackern
subatomarer Irrlichter.
Am Ende wiegt all das auch
wieder

nichts.

Haiku

Mit der Entdeckung meines Gartens als Schreibort, einem Tisch unter einer Trauerweide am Teich, kamen die Haiku zu mir. Die reimlosen, japanischen Kurzgedichte (meist Dreizeiler mit dem Silbenschema 5-7-5) zwingen zu exakter Naturbeobachtung, fangen ganz konkrete, gegenwärtige Augenblicke ein und verleihen ihnen ein offenes Ende, einen poetischen Nachhall im Kopf des Lesenden.

Ameisenwege
umkurven Hindernisse:
Form des Widerstands.
Der Wasserläufer:
Sechs kleine Dellen sprinten
durch die Glätte – weg.
So still ruht der Teich,
unbewegt sind Schilf und Herz,
einzig die Kröte.

Das Haiku erschien 2019 bei „Haiku heute“, der bedeutendsten deutschen Online-Präsenz für deutschsprachige Haiku.