Leseproben

Schön, dass Sie sich für mein Schreiben interessieren. Im Folgenden erhalten Sie Leseproben – von meinen Aphorismen, Gedichten, Haiku und meiner Prosa. Viel Spaß beim Lesen!

Aphorismen

Für mich sind Aphorismen Sezierinstrumente zur Untersuchung der Wirklichkeit und oft auch Ausdruck meines Misstrauens ihr gegenüber. Nebenstehend eine Auswahl von Aphorismen aus meinem Band „Glatte Lügen“ sowie ein paar neuere aus meiner aktuellen Aphorismen-Werkstatt.

Aphorismen bei aphorismen.de:

„Glatte, schöne Lügen sind anziehend. Wer will dagegen raue, ungeschminkte Wahrheiten?“

„Erst die schweigende Mehrheit ermöglicht das schreiende Unrecht.“

„Am meisten profitieren jene von der Meinungsfreiheit, die sie am liebsten abschaffen würden.“

„Tatsachen existieren unabhängig von Meinungen, Meinungen leider immer öfter unabhängig von Tatsachen.“

„Wer die Hände in den Schoß legt, kann sie nicht gleichzeitig in Unschuld waschen.“

„Leider haben Ahnungslose meist auch keine Ahnung davon, dass sie keine haben.“

„Lobbyismus ist ein wohlklingendes Wort für organisierte Korruption.“

„Wenn der Unsinn blüht, schwärmen die Idioten.“

„Falsche Bescheidenheit ist echte Unbescheidenheit.“

„Das Paradox der Arbeit besteht darin, dass wir Lebenszeit opfern, um sie uns zu verdienen.“

Lyrik

Während meines Studiums in Freiburg habe ich viel mit Prosa und Lyrik experimentiert und erste Erzählungen und Gedichte geschrieben. Damals bin ich leider nicht am Ball geblieben.
Damals fehlte mir jedoch noch die nötige Gelassenheit gegenüber meinen eigenen Unzulänglichkeiten.

Ich arbeite seit längerem an einem Band über die faszinierende, gequantelte Welt des ganz Kleinen mit dem Arbeitstitel „Anomalie Leben“.
Das folgende, beispielhafte Gedicht „Der kommende Frieden“ entstand für die Teilnahme an einem Lyrikwettbewerb der Brentano-Gesellschaft und Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts.

Illustratives Porträtbild von Gregor Stefan Heuwangl 7.2022

Der kommende Frieden

Nach dem langen Morden zog endlich der Frieden ein.
Gebeugt kam er mit den Halbverhungerten,
mit den Versehrten, den rotäugigen Haufen,
direkt von der Front – heim in zerbombte Städte.

Er zog unter den Tausenden, mit geleertem Blick, vorbei
an schillernden Leichenbergen, die sich wie lebendige
Ufer rührten unter den gierig fressenden Ratten.

Der große Tod hatte uns all dieses
unwillkommene, überholte Leben
zurück in unsere Städte gebracht –
diese heillose, monströse Pracht.

Lange war unser Frieden nur einer der vielen Verstörten,
dieser Gepeinigten, die nachts schrien – wie kein Tier.
Lange blieb er gezeichnet, misstrauisch wie wir alle:
jedem hellen Traum gegenüber, jeder lautlos tropfenden Minute,
jedem klangvollen Lachen, jedem neuen Erwachen.
Lange blieb unser Frieden ohne Hoffnung und Licht.

Der Krieg hingegen lebte noch Jahre weiter
und forderte unzählige Tote unter jenen,
die mit ihm weiterleben mussten.

8.2025

Haiku

Mit der Entdeckung meines Gartens als Schreibort – einem Tisch unter einer herrlichen Trauerweide am Teich – kamen die Haiku zu mir.

Das japanische Haiku gilt als kürzeste Gedichtform der Welt. Es hat sich ursprünglich aus dem ersten Vers von Kettengedichten entwickelt und wurde erst im 17. Jahrhundert zur eigenen Gattung. Der Begriff setzt sich aus den japanischen Worten für Scherz (haikai) und für Anfangsstrophe (hokku) zusammen. Vielleicht haben deshalb einige der besten japanische Haiku-Dichter das Haiku mit Humor geimpft.

Die reim- und titellosen Dreizeiler betreffen in der Regel äußere Themen wie die Natur und weniger subjektive Vorstellungen des Autors. Sie basieren auf Beobachtungen einzelner Augenblicke oder einmaliger Ereignisse. Deren Schilderung geschieht ganz konkret, für den Leser miterlebbar und in der Zeit der Gegenwart.

Oft finden sich in traditionellen Haiku jahreszeitliche Bezüge (sogenannte „Kigo“), um die Gedichte zeitlich festzulegen.

Wichtiger ist jedoch ihre Gegenwärtigkeit. Sie atmet die eigentliche Philosophie des Haiku – seine Verbindung mit dem Kleinen, scheinbar Unbedeutenden, oftmals Unbeachteten.

Der letzte, auch sehr zentrale Aspekt des Haiku ist seine Offenheit. Ein Haiku liefert dem Leser keine vorgefertigte Deutung und keinen Zukunftsentwurf. Es setzt sich im Kopf des Rezipienten fort als Kette von Assoziationen, als Gedankengang oder Erinnerung.

Ich bevorzuge Naturthemen und das strenge, klassische 5-7-5-Silbenschema für meine Haiku, wenngeich es viele gute Argumente dafür gibt, dieses Silbenformat im Deutschen zu verlassen. Doch mir gibt die Form Halt, aus dem Zwang wird für mich Freiheit.

Ameisenwege
umkurven Hindernisse:
Form des Widerstands.

Der Wasserläufer:
Sechs kleine Dellen sprinten
durch die Glätte – weg.
So still ruht der Teich,
unbewegt sind Schilf und Herz,
einzig die Kröte.

Das Haiku erschien 2019 bei „Haiku heute“, der bedeutendsten deutschen Online-Präsenz für deutschsprachige Haiku.

Aus ihren Betten
erheben sich die Flüsse
zu neuen Ufern.

Das Eisblumenbeet,
gehegt im Fensterrahmen;
im Ofen knackt es.
Gierige Krähen,
ein totes Lamm, augenlos,
in ihrer Mitte.
Zerschlagene Bank
im nassgelben Gras am Hang,
wie ein Schriftzeichen.
Ein jammernder Spatz
in den Fängen des Sperbers:
Letzte Flugstunde.
Im Fernglas das Reh –
verschwunden, ein Geist im Gras,
fort mit dem Nebel.

Minimalprosa

2025 habe ich spontan an der Sommerschreibaufgabe des Literatur-Podcasts von www.literaturcafe.de teilgenommen. Die Macher des Podcasts sind die Schriftstellerin Diana Hillebrand und der Literaturkritiker und Journalist Wolfgang Tischer, der 1996 das virtuelle Literaturcafe gegründet hat.

Aufgabe war es, einen maximal 2.000 Zeichen umfassenden Text zu verfassen, der mit einem Teil der ersten Zeile eines bekannten Rilke-Gedichtes beginnt: „Das Sommer war sehr groß“ – das Lieblingsgedicht meines 2022 an Corona verstorbenen Vaters. Unter den 227 Einsendungen kam mein Text „Der Geruch von Zigarettenrauch“ zwar nicht unter die sieben Gewinner, die ein Coaching bei Wolfgang Tischer gewonnen haben und in ihrer Podcastfolge 96 vorgelesen und kommentiert wurden. Doch mein fast nicht-fiktionaler Text kam in das erweiterte Spektrum der 11 besten Texte. Nachlesen können Sie den „Der Geruch von Zigarettenrauch“ auf literaturcafe.de oder nachfolgend als Text.

Der Geruch von Zigarettenrauch

Der Sommer war sehr groß. Es war der Sommer 2022, der letzte Corona-Sommer. Keiner nahm die Pandemie noch ernst – nur mein Vater. Er trug Maske, hielt Abstand, verlangte das auch von meiner Mutter. Das Virus erwischte ihn dennoch. Vor „Der Sommer war sehr groß“ steht in dem Gedicht „Herr: es ist Zeit.“ Für meinen Vater, dessen Lieblingsgedicht „Herbsttag“ gewesen ist, war es in diesem Sommer Zeit. Er starb an Corona, obwohl sich sein Körper lange mit rasselndem Atem gegen das kalte Dunkel stemmte. „Warum?“, fragte mein Vater meine Schwester in einem wachen Moment. Er hatte nicht ins Krankenhaus gewollt. Aber meine Mutter konnte ihn nicht mehr bewegen, um ihn von seinen Exkrementen zu säubern. Sie hatte Angst vor seinen brennenden Zigaretten, die unbemerkt auf die Bettdecke fielen, wenn sie mal eingenickt war. Mein Vater aß und trank nichts mehr, doch rauchen wollte er. Mein Bruder kaufte ihm eine Stange. Ein halbes Päckchen schaffte er noch, dann fuhr der Krankenwagen mit ihm davon. Die Luft flimmerte über dem Friedhof. Aus den Feldern schwappte der Geruch von frischem Heu herüber. Landmaschinen begleiteten den Singsang des Priesters. Vom nahen Spielplatz war glucksendes Kinderlachen zu hören. Selbst in die unpassendsten Momente drängt sich das Leben, dachte ich. Meine Schwester schluchzte, als der Priester begann, das Gedicht vorzulesen und zu interpretieren. Ohne jedes Verständnis verbog er Rilkes Zeilen, bis sie zu seiner unglaubwürdigen Botschaft passten. Ich sah mich um. Keiner außer mir schien sich daran zu stören. „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“, las der Priester vor. „Das Haus des Herrn ist…“

„Geschmacklos, einfach geschmacklos!“, schrie ich. Ich riss dem Pfaffen den Zettel aus der Hand und zitierte das Gedicht wie mein Vater es getan hätte – mit wuchtigen Worten. Am Ende stoben alle auseinander, angsterfüllt. Ich blieb allein inmitten dieses großen Sommers auf dem stickig heißen Friedhof zurück, über dem der Geruch von Zigarettenrauch lag.

12.08.2025
Das Kurzprosastück erschien beim Schreibzeug-Podcast 2025