Was ist ein Aphorismus?
Kaum eine literarische Form ist so kurz und pointiert wie der Aphorismus. Er will nicht erzählen, sondern treffen. Ein Aphorismus ist hochkozentrierte Erkenntnis in Miniaturform – präzise, zugespitzt, manchmal schmerzhaft klar.
Die Gattung „Aphorismus“ geht auf die medizinischen Lehrsätze des griechischen Arztes Hippokrates von Kos zurück (geb. um 460 v. Chr., gest. um 370 v. Chr.). Seine Schule lehrte die sogenannte Humoralpathologie oder Theorie der vier Körpersäfte (Gelbe Galle, Schwarze Galle, Blut und Schleim). Durch die Beschreibung von Krankheitssymptomen und Krankheitsverläufen legte Hippokrates außerdem die Grundlagen für die Medizin als Wissenschaft. Ihm werden aphoristische Aussagen zugeschrieben. Er gilt daher als Begründer der Gattung „Aphorismen“. Zu einer eigenständigen literarisch-philosophischen Gattung wurde der Aphorismus erst im 17. und 18 Jahrhundert mit Autoren wie François de La Rochefoucauld, Jean de La Bruyère, Georg Christoph Lichtenberg, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schlegel, Marie von Ebner-Eschenbach u.a.
Ich persönlich schätze die Aphoristiker Hans Kudszus, Emanuel Wertheimer, Wieslaw Brudziński und Gabriel Laub in besonderem Maße.
Merkmale eines Aphorismus
Ein Aphorismus lässt sich als kurze, spitzfindige, nicht-fiktionale Sentenz zu einem Gedanken, einer Erkenntnis oder einer Lebensweisheit beschreiben. Oft beinhaltet die aphoristische Aussage eine urteilsartige Definition – das griechische Wort aphorizein bedeutet abgrenzen. Außerdem will ein Aphorismus seine Leser überraschen, verblüffen, zum Nachdenken bringen oder ihre Kritik herausfordern. Stilistisch zeichnen sich Aphorismen durch Wortspiele, Doppeldeutigkeiten, eine besondere Metaphorik und den Einsatz rhethorischer Stilmittel aus Antithese, Parallelismus, Chiasmus und Paradoxon.
Aphorismen über Aphorismen
- „Ein Aphorismus ist der letzte Ring einer langen Gedankenkette.“ Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916)
- „Aphorismen sind die Einfälle der Philosophen.“ Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues (1715 – 1747)
- „Aphorismen sind die Sprichwörter der gebildeten Leute.“ Charles de Secondat, Baron de Montesquieu (1689 – 1755)
- „Ein guter Aphorismus ist die Weisheit eines ganzen Buches in einem einzigen Satz.“ Theodor Fontane (1819 – 1898)

