Denk mal – an den Aphoristiker Hans Kudszus!
Mit meiner Denk-mal-Reihe möchte ich Ihnen Autoren vorstellen, deren Werk mich beeindruckt oder geprägt hat und denen man meiner Meinung nach ein Denkmal setzen sollte. Den Anfang macht Hans Kudszus, einer der stillen Giganten des deutschen Aphorismus.
Vollblut-Aphoristiker werden nicht berühmt, selbst wenn sie derart brillant sind wie Hans Kudszus. Leider! Denn Kudszus, geboren 1901 in Schleswig, gestorben 1977 in Berlin, hätte Ruhm wahrlich verdient. Dieser Mann war einer der genialsten deutschen Aphoristiker.
Nüchtern war Kudszus wohl meist ein eher wortkarges Unikum, ein Querkopf, der trotzdem gern unter Leute ging. Betrunken verkündete er manchmal spontan in Berliner Kneipen frisch verfasste Weisheiten – sehr zur Verwunderung der Kneipenbesucher.
Der Sohn eines Offiziers besuchte Domschule und Gymnasium in Schleswig, studierte ganze 18 Semester lang Philosophie, Mathematik und Physik, ohne je einen Abschluss zu machen. Während des Zweiten Weltkriegs diente er als Soldat, kam bei Kriegsende in Kriegsgefangenschaft und danach 1947 nach Westberlin, wo er als freier Schriftsteller arbeitete. Im Berliner Tagesspiegel veröffentlichte er Essays, Rezensionen und Aphorismen. Laut der Zeitung war Kudszus „… einer der eigentümlichsten Köpfe, die je in dieser Zeitung geschrieben haben…“ (aus dem 2001 erschienenen Beitrag im Tagesspiegel „Hans Kudszus: Der Zwischendenker“)
1.000 Aphorismen, zwei Veröffentlichungen
Von Manuskripten hielt Kudszus zeitlebends nichts. Vielmehr kritzelte er seine genialen Aphorismen meist mit dem Bleistift auf Zettel. Allein der Initiative des Schriftstellers und Herausgebers Joachim Günther – ein Freund von Hans Kudszus – ist sein 1970 erschienener Aphorismenband „Jaworte, Neinworte“ zu verdanken. Der bei Suhrkamp veröffentlichte Band ist heute nur noch antiquarisch zu bekommen. Das Vorwort schrieb ein weiterer Freund – Dieter Hildebrandt (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Kabarettisten!).
2002 erschienen schließlich etwa 300 Aphorismen aus Kudszus‘ zirka 1.000 Aphorismen umfassendem Nachlass im Kölner Matto-Verlag, erneut mit einem Vorwort seines Freundes Dieter Hildebrandt versehen. Der Titel: „Das Denken bei sich“, der inzwischen wie „Jaworte, Neinworte“ nur noch antiquarisch zu bekommen ist.
Philosoph ohne Lehrstuhl und Buch
Anerkennung war Hans Kudszus zeitlebends und posthum nur spärlich beschieden. 1963 erhielt er den Deutschen Kritikerpreis, 1967 die Ehrendoktorwürde der FU Berlin. Wolf Jobst Siedler vom Tagesspiegel ordnete 2002 seine Arbeit beim Berliner Tagesspiegel anlässlich des posthumen Erscheinens von Kudszus‘ „Das Denken bei sich“ wie folgt ein: „… Der Tagesspiegel (…) feierte seinen weithin unbekannten Mitarbeiter – zum Redaktionsmitglied allerdings brachte es Hans Kudszus nie…“ (Wolf Jobst Siedler: Über Weisheit diskutiert man nicht). Rolf Michaelis von der ZEIT kommentierte 2002 ebenfalls zum Erscheinen der posthumen Veröffentlichung: „… Großer Philosoph, ohne Lehrstuhl, ja ohne Buch, hätten nicht Freunde seine verstreut erschienenen Gedankensplitter gesammelt und 1970 im Suhrkamp Verlag herausgebracht: Jaworte, Neinworte…“ (Rolf Michaelis: Hans Kudszus).
Auch die FAZ widmete ihm damals ein paar freundliche Worte. Und immerhin: Bei Wikipedia findet sich ein Artikel über ihn. Doch das war’s dann auch schon mit Hans Kudszus. So feiert Deutschland seine großen Aphoristiker – posthum als Nachruf.
Kudszus war sein Leben lang auf Freunde, Fürsprecher und Helfer gegen seine Herausgeber und Chefredakteure angewiesen. Ohne sie wären seine Arbeiten für den Tagesspiegel wohl nie erschienen: „… aber der ehemalige „Weltbühnen“-Mitarbeiter (…) ließ in der Verteidigung der Würde einer Zeitung nicht nach, die nicht nur nach Popularität gehen dürfe…“ (Wolf Jobst Siedler: Über Weisheit diskutiert man nicht).
In diesen Worten schwingt – wie ich finde – berechtigte Kritik an der einseitigen kommerziellen Ausrichtung unserer Tageszeitungen mit, die sich problemlos auf die Verlage ausdehnen lässt. Die wackeren, selbstlosen Streiter für ins kulturelle Abseits geratene Gattungen wie den Aphorismus sind in Rente oder unter der Erde. Ihre Nachfolger bedrucken Kaffeetassen und T-Shirts mit mehr oder weniger intelligenten Sinnsprüchen.
Kein Wort falsch, keines überflüssig, jedes mit Bedeutung
Doch nun zu Kudszus’ Aphorismen – und dazu, warum ich sie so schätze. Sehr hellsichtig hat der Schriftsteller Dieter Hildebrandt im Vorwort zu Kudszus‘ „Das Denken bei sich“ die Magie seiner Aphorismen auf den Punkt gebracht: „…Was seine Aphorismen unterscheidet von den berühmteren seiner Zeitgenossen, ist nichts Formales oder das, was man ‚content‘ nennt, sondern ihr existenzieller Charakter. Sie sind nicht Beiwerk, sondern Werk. (…) Sie sind Hinterlassenschaften eines Mannes, der auch als Aphoristiker gelebt hat. Von Geistesblitz zu Geistesblitz…“
Die fast spürbare Unmittelbarkeit seines Ringens um jedes Wort (Kudszus hat mitunter Tage oder Wochen an einzelnen Aphorismen gefeilt) und die geschliffene Prägnanz begeistern mich an seinen Aphorismen. Kein Wort ist falsch, keines überflüssig, jedes trägt Bedeutung. Aufgrund des 70 Jahre geltenden Urheberrechtsschutzes werde ich hier nur drei seiner Aphorismen wiedergeben (die Auswahl aus den durchweg hochklassigen Aphorismen ist mir enorm schwergefallen):
„Leuchttürme lassen sich selber im Dunkel.“
Hans Kudszus in: „Das Denken bei sich. Aphorismen.“ Erste Auflage, März 2002, Matto Verlag Albrecht Pfundt, Köln 2002
„Worte wahrer Größe waren nie große Worte.“
Hans Kudszus in: „Das Denken bei sich. Aphorismen.“ Erste Auflage, März 2002, Matto Verlag Albrecht Pfundt, Köln 2002
„Fanatismus: Den Glauben an ein Absolutes in einen absoluten Glauben verkehren.“
Hans Kudszus in: „Das Denken bei sich. Aphorismen.“ Erste Auflage, März 2002, Matto Verlag Albrecht Pfundt, Köln 2002
Ich freue mich, mit diesem Blog-Beitrag wenigstens etwas dazu beigetragen zu haben, Hans Kudszus bekannter zu machen.
Ausdrücklich gelobt seien an dieser Stelle Kudszus Freunde Joachim Günther, Dieter Hildebrandt und Wilhelm Weischedel, auf dessen Initiative hin Kudszus die Ehrendoktorwürde erhielt, der Suhrkamp Verlag, der (wahrscheinlich inzwischen nicht mehr existierende) Matto-Verlag und sein Herausgeber Albrecht Pfundt.
15.11.2025
Zitate gemäß § 51 UrhG (Zitatrecht); Urheberrecht bis 31. 12. 2047 (70 Jahre nach Kudszus’ Tod).

