Denk mal – an den Aphoristiker
Nikolaus Cybinski!
Er war Lehrer am Hans-Thoma-Gymnasium in Lörrach, dem Nachbargymnasium des Hebel-Gymnasiums, das ich besucht habe. Ich bin mit seiner Tochter in eine Klasse gegangen: der Aphoristiker Nikolaus Cybinski.
Als literaturbegeisterter Pennäler ist mir seine Hochkarätigkeit entgangen – zu meiner Schande, wie ich heute sagen muss. Mit Abstand und Erfahrung kann ich heute sagen: Cybinski hat es verdient, geehrt und gelesen zu werden.
Zur Welt kam Cybinski 1936 in Bitterfeld (Sachsen-Anhalt), „… der Stadt, die einstmals als Deutschlands dreckigste bekannt wurde. In seiner Kindheit war sie das noch nicht, und so verbrachte er in ihr ziemlich ungetrübte erste sechzehn Lebensjahre, obschon beißende Flugasche oft die Augen reizte und rötete…“ (ebd.: Autorenverzeichnis im Aphorismen-Archiv). Dort heißt es auch: „… Dann, auf der erweiterten Oberschule, wegen politischer Aufmüpfigkeit nicht länger geduldet, wurde 1953 das Freiburger Melanchthonstift für drei Jahre sein neues Zuhause…“ (ebd.: Autorenverzeichnis im Aphorismen-Archiv). In Freiburg und in Paris studierte er Geschichte, Deutsch und Französisch und war ab 1965 als Lehrer am Hans-Thoma-Gymnasium in Lörrach tätig.
Wie Cybinski zum Aphorismus kam?
„… Aus alter Gewohnheit notiert er seit Schulzeiten dieses und jenes in ein kleines Buch, das er meist bei sich hat, und als er bemerkte, dass zum Beispiel kurze Notate, Aphorismen genannt, auf Interesse anderer stießen, belieferte er fast zwei Jahrzehnte lang die Süddeutsche Zeitung damit. Je länger er das machte, fand er Gefallen am knappen, präzisen Formulieren, an der Übung, Wörter zu ertasten und manchmal mit wenigen viel zu sagen. Das gefiel auch den Redakteuren des Rheinischen Merkur und der Zürcher Weltwoche…“ (in: Autorenverzeichnis im Aphorismen-Archiv).
Seit 1975 wurden Cybinskis Aphorismen regelmäßig in renommierten überregionalen und regionalen Zeitungen veröffentlicht. Damals hatten Zeitungen und ihre Leser offenkundig noch ein anderes Verhältnis Aphorismen gegenüber als das heute der Fall ist.
Außer Aphorismen schrieb Cybinski auch Erzählungen und Kurzgeschichten und arbeitete neben seiner Lehrertätigkeit auch als Kulturkritiker. Sein langjähriger Sparingspartner auf Verlagsseite war der 1978 gegründete Lörracher Kleinverlag Waldemar Lutz. Fast alle Werke von Cybinski wurden von dem heimatverbundenen Verleger veröffentlicht.
Das Werk von Nikolaus Cybinski in chronologischer Folge
- 1979: Werden wir je so klug sein, den Schaden zu beheben, durch den wir es wurden? Aphorismen.
- 1982: In diesem Lande ist das Leben lustig! Wohin du schaust: Lachende Dritte. Aphorismen.
- 1987: Die Unfreiheit hassen wir nun. Wann fangen wir an, die Freiheit zu lieben? Aphorismen.
- 1988: Von Gupf, südlich – Prosastücke.
- 1990: Der Anruf während der Tagesschau: Erzählungen.
- 1992: Der Rest im Risiko. Aphorismen.
- 1999: Blicke, 44 – Versuche, etwas zu sehen.
- 2003: Der vorletzte Stand der Dinge. Aphorismen
- 2005: Von Wieden nach irgendwo. Heimatlieder und andere Texte, Gedichte.
- 2010: Im Steilhang der Zeit. Aphorismen 2006-2010.
- 2016: Flüsse, Bahnen, Straßen: Alles begradigt. Nur unsere Wege blieben krumm (Sammelband)
Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, dass die obige Liste vollständig ist.
Der Moralist unter den Aphoristikern
Der Germanist Prof. Dr. Wolfgang Mieder hat Cybinski auf dem Rückumschlag von Cybinskis Aphorismen-Band „Der vorletzte Stand der Dinge“ 2003 als „Moralisten“ charakterisiert. Auch der Journalist und Autor Wolfgang Heidenreich bezeichnet Cybinski im Vorwort zu seinem 1987 erschienenen Aphorismenband „Die Unfreiheit hassen wir nun. Wann fangen wir an, die Freiheit zu lieben?“ als Moralisten („Nikolaus Cybinski ist ein Moralist…“). Ich glaube, „Moralist“ trifft Cybinski ganz gut. Doch sein moralischer Ton entspringt keiner Überheblichkeit, sondern präziser Beobachtung des Alltags und der politischen Wirklichkeit. Ein Moralist im besten Sinne also: einer, der den Finger in Wunden legt, um die Täter im nächsten Satz aufzuspüren – und im übernächsten anzuklagen. Kein Prediger, der sich über andere erhebt, sondern ein vorbildlicher Lehrer im Hinblick auf intellektuelle Zivilcourage. Und ein Autor, der kritisches Denken nicht als Übung – das sicher auch, sondern als demokratische Verpflichtung verstand.
Drei ausgewählte Aphorismen von Nikolaus Cybinski
Nachfolgend drei seiner Aphorismen (wie immer war die Auswahl aufgrund der urheberrechtlich notwendigen Begrenzung für mich äußerst schwer).
„Der größte Kranz auf dem Grabe der Freiheit kam von den Denunzianten.“
aus: Werden wir je so klug sein, den Schaden zu beheben, durch den wir es wurden? Aphorismen. Verlag Waldemar Lutz, 1979
„Seltsam, manche macht erst der Tod unsterblich.“
aus: Werden wir je so klug sein, den Schaden zu beheben, durch den wir es wurden? Aphorismen. Verlag Waldemar Lutz, 1979
„Heldentod oder Helden tot? Die Kriegsanfänge und Kriegsenden haben in Deutschland ihre eigene Orthographie.“
aus: Die Unfreiheit hassen wir nun. Wann fangen wir an, die Freiheit zu lieben? Aphorismen. Edition Klaus Isele, 1987
Der Lehrer Cybinski wurde auch mein Lehrer
2019 nahm ich am DAphA-Aphorismenwettbewerb teil und landete mit einem Aphorismus in der Anthologie. Seither hat mich die Gattung nicht mehr losgelassen. Just da habe ich mich an Nikolaus Cybinski erinnert und mir einige seiner Bücher antiquarisch besorgt. Und dieses Mal – anders als der dumme Pennäler – war ich tief beeindruckt von seiner Intelligenz, seiner Aufrichtigkeit, seinem kämpferischen Mut und der stilistischen Brillanz seiner Aphorismen. Völlig zu Recht hat er es wie Wertheimer, Kudszus und Laub in den Reclam-Olymp „Deutsche Aphorismen“ geschafft.
2021 hätte ich ihn gerne getroffen und um seinen väterlichen Rat gefragt, als ich an meinem ersten Band mit Aphorismen und Sentenzen arbeitete. Doch ich habe mich leider nicht getraut, meiner Arbeit keinen dafür ausreichenden Wert beigemessen. 2023 ist Cybinski gestorben. Es lässt sich nun nicht mehr nachholen. Ich kann ihm nur noch nacheifern – als Moralist und Aphoristiker.
20.11.2025
Zitate gemäß § 51 UrhG (Zitatrecht); Urheberrecht gültig bis 09. 08. 2093 (70 Jahre nach Cybinskis Tod).

