Illustratives Porträt auf Basis eines Fotos von Wieslaw Brudziński

Denk mal – an den Aphoristiker
Wieslaw Brudziński!

Wieslaw Brudziński gilt in Polen neben Stanislaw Jerzy Lec als einer der „… aggressivsten ihrer Aphoristiker…“ (aus: dem Autorenporträt in „Katzenjammer. Aphorismen, Suhrkamp-Verlag, 3. Auflage, Frankfurt a. M. 1967). Auf jeden Fall ist Brudziński ein Aphoristiker, der Aphorismen-Interessierten bekannt sein sollte. Ich will ihn daher meinen Blog-Lesern heute näher vorstellen

Der polnische Satiriker, Aphoristiker und Journalist Wieslaw Brudziński (Pseudonym: Antoni Nurski) war der Sohn des Apothekers Aleksander Kupke und der Lehrerin Pelagia, geborene Brudzińska. Brudziński wurde 1920 in Łódź geboren, er starb 1996 in Warszawie (Warschau), wo er auf dem Nordfriedhof bestattet ist.

Debüt bereits mit 16 Jahren

Was Schriftstellerei und Journalismus anging, war Brudziński frühreif. Bereits 1936 – im Alter von 16 Jahren – debütierte er in der Zeitschrift „Kultura” mit der Veröffentlichung einer satirischen Kolumne mit dem Titel „A bliźniego swego jak siebie samego…” („Und deinen Nächsten wie dich selbst…“).
1938 machte er Abitur am staatlichen Kopernikus-Gymnasium von Łódź. Bis September 1939 arbeitete er weiter mit „Kultura” zusammen, veröffentlichte aber parallel auch in der Monatszeitschrift „Wymiary” (1938/39), deren Rubrik „Trybuna młodych” („Tribüne der Jugend“) er leitete. Außerdem schrieb er für „Wróble na Dachu” („Spatz auf dem Dach“).

Satirische Nadelstiche für die polnische Gesellschaft

Nachdem Brudziński im Juni 1938 nach Wieluń gezogen war, arbeitete er während des Zweiten Weltkriegs als Büroassistent. Ab 1944 bis zum Kriegsende war er Insasse eines Arbeitslagers.
Nach dem Krieg zog er zurück nach Łódź. Ab März 1945 arbeitete er als Sekretär der Redaktion der Wochenzeitschrift „Szpilki” („Nadeln“), 1952 als Mitglied des Redaktionskollegiums. In „Szpilki” veröffentlichte er seine Satiren, Epigramme, humoristische Prosa und Übersetzungen aus dem Deutschen (u. a. 1952 die Reihe „Miniatury”). Darüber hinaus brachte er satirische Werke in der Rubrik „Na marginesie” („Am Rande“) in der Zeitung „Rzeczpospolita” (1945), im „Dziennik Łódzki” (1945-46) sowie in „Kocyndra” (1946) heraus.
Zwischen 1946 und 1949 war er Redakteur der Zeitschrift „Mucha”, in der er bis 1951 veröffentlichte. Außerdem arbeitete Brudziński auch für den Rundfunk, für Bühnen und literarische Kabaretts. Von 1956 bis 1980 war er schließlich stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift „Szpilki”. Zweimal sind seine Satiren preisgekrönt worden.

Übersetzungen ins Deutsche

Bei Suhrkamp erschienen 1966 „Katzenjammer“ und 1970 „Die rote Katz“ auf Deutsch. Beide Bücher wurden von Karl Dedecius übersetzt, einem ebenfalls in Łódź geborenen Schriftsteller und Übersetzer polnischer, russischer und serbischer Literatur. Ich habe stellvertretend für Brudzińskis Schaffen drei Aphorismen aus „Katzenjammer“ ausgesucht:

Einseitiges Denken ist auch eine Spezialisierung.

Die gefährlichste Waffe sind die Menschen kleinen Kalibers.

Den kleinsten Nutzen bringen uns fremde Erfahrungen, die man mit uns selbst gemacht hat.

Die drei Aphorismen stammen aus: „Katzenjammer. Aphorismen,“ Suhrkamp 1966; meine Ausgabe ist die 3. Auflage, Frankfurt. a. M. 1967; offenbar wurde Brudziński zu Beginn in Deutschland gern und viel gelesen.

Satzzeichen, Imagines und Kollege X

Die dreiteilige Kapitelaufteilung von „Katzenjammer“ ist auffällig. Sie teilt sich in drei Hauptkapitel: „Satzzeichen“, „Imagines“ und „Kollege X“. Unter den „Satzzeichen“ werden Aphorismen in konstruktive Unterkapitel wie „Punkte“, „Doppelpunkte“, „Beistriche“, „Strichpunkte“, „Gedankenstriche“, „Fragezeichen“, „Ausrufezeichen“ und „Anführungszeichen“ eingeteilt. Und tatsächlich sind diese Konstruktionsprinzipien mithife von Satzzeichen jeweils maßgeblich für ihre jeweilige Bauform der Aphorismen. Unter „Imagines“ bilden die Personalpronomina „Ich“, „Du“, „Er“, „Wir“, „Ihr“ und „Sie“ die Unterkapitel und zugleich die inneren Perspektiven der jeweiligen Aphorismen. Im dritten Kapitel – „Kollege X“ – ist der namenlose Kollege fragwürdiger „Held“ der Aphorismen. Alle drei oben zitierten Aphorismen entstammen übrigens dem Kapitel „Punkte“.
Brudziński adressiert mit seinen oftmals paradoxen Epigrammen Politik, Zeitgeschehen, Kunst, Kultur, Berufs- und Alltagsleben. Der Duktus ist meist analytisch, staubtrocken und fast schon chirurgisch präzise.

Der ehedem hohe Stellenwert von Aphorismen in Polen

Im Vorwort zu „Katzenjammer“ heißt es: „… Satire, Aphorismus und Epigramm haben in der polnischen Literatur eine ehrwürdige Geschichte; sie stehen in hohem Ansehen als Beispiele bündiger Reflexion, kritischen Fragens, und ihre Tradition wirkt ungebrochen in der Gegenwart fort…“ Diese schöne Tradition setzt Brudziński konsequent fort. Seine Aphorismen sind Denkexperimente und ständige innere Perspektivwechsel, bei denen das Erwartbare auf oft paradoxe Weise wegbricht – ein satzweise kontrollierter Kontrollverlust. Sie sind auch Erinnerung daran, wie leicht sich Denken selbstzufrieden einrichtet – und Ermutigung, es immer wieder zu öffnen. Ich empfehle Ihnen: Lesen sie Wieslaw Brudziński!

22.11.2025

Zitate gemäß § 51 UrhG (Zitatrecht); Urheberrecht gültig bis 20.03.2066 (70 Jahre nach Brudzińskis Tod).