Denk mal – an den Aphoristiker
Emanuel Wertheimer!
In der zweiten Folge meiner Denk-mal-Reihe möchte ich an einen weiteren großartigen Aphoristiker erinnern: Emanuel Wertheimer. Laut Adolph Kohut, einem deutsch-ungarischen Journalisten, war Wertheimer einer „… der besten, geistreichsten und scharfsinnigsten Epigrammatiker der deutschen Literatur…“
(aus: „Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschen„; Bd. 2. Leipzig: A. H. Payne 1901, S. 128).
Das kann ich nur mit Nachdruck bestätigen! Dass zu Emanuel Wertheimer (1846–1916) trotz dieses berechtigten Lobs nicht einmal ein Wikipedia-Eintrag existiert, obwohl hunderte seiner Aphorismen bei www.aphorismen.de und auf anderen Online-Plattformen kursieren, ist symptomatisch. Es zeigt die leider fehlende Wertschätzung gegenüber der Literaturgattung „Aphorismen“. Bezeichnenderweise ist das einzige Buch, das man von Wertheimer noch einigermaßen problemlos erhalten kann, ein bei www.lulu.com 2020 zum 100. „Geburtstag“ erstellter Wiederabdruck eines posthum erschienen Buchs aus dem Jahr 1920: „Das Buch der Weisheit“. Wertheimer steht damit sicher stellvertretend für zahllose Aphoristiker, deren Worte überleben, deren Namen, Biografien, Werke und Würdigung jedoch vergessen wurden.
Biografische Angaben
Emanuel Wertheimer wurde 1846 in Budapest als Sohn eines wohlhabenden, jüdischen Kaufmanns geboren. Seine Jugend verbrachte er in Wien. Dort absolvierte er die Realschule. An der Wiener Universität besuchte er Vorlesungen zur Philosophie und Kunstgeschichte, interessierte sich sehr für Musik, vor allem aber für Literatur. Im Alter von 34 Jahren zog er nach Berlin, wo er den Rest seines Lebens verbrachte und 1916 starb. Mit seinem Denken steht Wertheimer in der Tradition der moralistischen Aphoristik eines La Rochefoucauld und Lichtenberg – scharf im Urteil, doch nie zynisch. Seine wichtigsten Werke sind (ich gebe hier nur die deutschsprachigen wieder).
Wertheimers wichtigste Werke (neben Aufsätzen und Rezensionen)
- Cromwell, eine Tragödie in fünf Aufzügen, Leipzig 1876
- Emanuel Wertheimer: Aphorismen. Gedanken und Meinungen. Mit einem Vorwort von François Coppée. Stuttgart u. a.: Deutsche Verlags-Anstalt 1896
- posthum: Emanuel Wertheimer: Buch der Weisheit. Aphorismen. Zweite Auflage und Neue Folge. Mit dem Bildnis des Verfassers, einem Abriß seines Lebens von Alfred Klaar und dem Vorwort von François Coppée aus der französischen Ausgabe. Hamburg, Berlin: Hoffmann & Campe Verlag 1920.
Spärliche Spuren, großes Vermächtnis
Viel mehr weiß man heute leider nicht mehr über Wertheimer. Die beste Internet-Quelle über ihn ist www.emanuel-wertheimer.de, betrieben von Christine M. Kaiser aus Königslutter am Elm, nach meinen Recherchen Germanistin und Autorin. An dieser Stelle ein herzlicher Dank an Frau Kaiser – meiner Kenntnis nach die Einzige, die Wertheimer ein digitales Denkmal gesetzt hat.
„Perlen“ aus dem „Buch der Weisheit“
Doch nun zu einer kleinen Auswahl von Aphorismen aus Wertheimers „Das Buch der Weisheit“. Da das Urheberrecht 70 Jahre nach seinem Tod am 24. August 1916 ausgelaufen ist, ist sein Werk heute gemeinfrei. Ich gebe hier daher 10 ausgewählte Aphorismen von Wertheimer wieder:
„Streichen ist auch Dichten.“
„Man braucht fast mehr Mut als Geist, um richtig zu denken.“
„Der Rücksichtslosigkeit allein gehört die Zukunft.“
„Das Gesetz schützt mehr Unrecht als es bestraft.“
„Was wir vor allem brauchten? … Gesetze gegen die Gesetzgeber.“
„Kein Vater lässt sich seine Verwandtschaft so teuer bezahlen wie der Landesvater.“
„Geld geht immer rechts.“
„Geld hat ungleichen Wert: einen ungeheuren, andern damit zu helfen – fast keinen, dem eignen Bedürfnis gegenüber.“
„Wenn der Idealist in die Tasche greifen soll, wird er unwillkürlich Realist.“
„Am gewissenhaftesten erfüllt man eine Pflicht, die Gewissenlosigkeit erfordert.“
Ein wahrhaft perfekter Aphoristiker
Wie großartig und aktuell sind diese Aphorismen! „Streichen ist auch Dichten“ – das könnte eine wichtige Abschnittsüberschrift in jedem Autorenseminar sein. Streichen und Überarbeiten sind die wichtigsten dichterischen Maßnahmen nach dem Schreiben. Es könnte sogar das Motto von Wertheimers Aphoristiker-Tätigkeit selbst sein. Laut Alfred Klaar, der 1920 das Vorwort zum „Buch der Weisheit“ verfasste, arbeitete Wertheimer mitunter Jahrzehnte an einzelnen Aphorismen: „… Jahrzehntelang feilte er an seinen Aphorismen, ehe er sie der Öffentlichkeit übergab…“ (aus: Nachdruck 2020 bei Lulu, ISBN 978-1-71662-679-1: Emanuel Wertheimer: Buch der Weisheit. Aphorismen.). Wertheimers fast fanatisches Streben nach Perfektion erklärt die Reinheit und Intensität seiner Aphorismen.
Nehmen Sie zum Beispiel den Aphorismus „Was wir vor allem brauchten? … Gesetze gegen die Gesetzgeber.“ Genau das bräuchten wir doch momentan, um unsere Demokratie wieder flott zu kriegen und attraktiv zu machen. Dumm nur, dass Gesetze gegen Gesetzgeber von diesen selbst stammen müssten. Der Souverän wird leider oft von Menschen vertreten, denen ihr eigenes Wohl wichtiger ist als das des Volkes. Oder nehmen Sie den Aphorismus „Kein Vater lässt sich seine Verwandtschaft so teuer bezahlen wie der Landesvater.“ und denken Sie an die Staatsverschuldung und die bevorstehende Steuerspirale. Oder führen Sie sich mal kurz unsere aktuelle Weltlage vor Augen – und zwar vor dem Hintergrund des Satzes „Der Rücksichtslosigkeit allein gehört die Zukunft.“
„Das Buch der Weisheit“ verdient seinen Titel. Wertheimers Aphorismen erinnern daran, dass Denken eine Form des Widerstands ist – und Sprache unsere geistige Waffe. Allen, die Aphorismen lieben, sei der Kauf hiermit ausdrücklich ans Herz gelegt.
16.11.2025
Die Zitate in diesem Beitrag verstoßen nicht gegen das Urheberrecht, das 70 Jahre nach Wertheimers Tod am 24. August 1986 ablief.

