Denk mal – an den Aphoristiker
Gabriel Laub!
Die nächste Folge meiner Denk-mal-Reihe widme ich Gabriel Laub, dem Satiriker unter den Aphoristikern. Laub, geboren 1928 in der polnischen Stadt Bochnia und gestorben 1998 in Hamburg, war ein polnisch-tschechoslowakisch-deutscher Aphoristiker und Satiriker, der zuerst auf Tschechisch, später auf Deutsch schrieb. Laub ist wie Kudszus und Wertheimer Anwärter auf den Aphoristiker-Olymp – mit oft sehr unbequemen, „spottwitzigen“ Aphorismen.
Flucht in Komik und Satire
Auf der Internetseite „Das jüdische Hamburg“ hat seine Freundin und Partnerin Gerlind Fischer-Diehl die zwei großen Fluchtbewegungen in Laubs Leben treffend zusammengefasst: „… Laub durchlebte ein typisches jüdisches Schicksal im 20. Jahrhundert. 1939 vor den Deutschen aus Polen nach Russland geflohen, nach Kriegsende Abitur in Krakau und Studium in Prag, wo er 20 Jahre als Journalist und Schriftsteller lebte, bis er 1968 während des ‚Prager Frühlings‘ vor den Russen zu den Deutschen emigrierte…“
Ein dicker, kluger, witziger Mann
Beeindruckend schnell lernte Laub Deutsch und „… schrieb seit Mitte 1969 deutsch…“ Ein Schriftsteller-Freund von Laub, Maxim Biller, hat dessen erstaunliches Sprachtalent und seine komische Ader für das Magazin Cicero auf den Punkt gebracht: „… Wenn alle nicht mehr weiterkonnten, fing ein dicker, kluger Mann an, jüdische Witze zu erzählen. Das war Gabriel Laub, ein Jugendfreund meines Vaters aus Prag, der besser Komiker geworden wäre statt Schriftsteller. Er sprach schöner Deutsch als die meisten Deutschen, und die Witze, die er kannte, stammten aus einer Zeit, als jemand wie er einer von Hunderten war…“
Neben Aphorismen und Satiren veröffentlichte Laub Essays in der ZEIT, betätigte sich als Übersetzer sowie als Drehbuch- und Romanautor („Aufstand der Dicken„, 1983; nur noch antiquarisch erhältlich). Zwischen 1970 und 1990 trat er außerdem regelmäßig im Fernsehen als Talkshow-Gast und im Hörfunk auf. Er spielte sogar im Tatort und im Großstadtrevier mit. Nach seinem Tod 1998 wurde Laub in Israel neben dem Grab seiner Eltern beigesetzt.
Leider nur noch antiquarisch verfügbar
Ich besitze von Laub folgende Aphorismen-Bände – allesamt antiquarisch erworben:
- Verärgerte Logik. 1969
- Denken verdirbt den Charakter. 1984.
- Denken erlaubt. 1977.
Ein Bildhauer, der Sätze meißelt
Was mich an Laubs Aphorismen begeistert, ist ihre manchmal bissige Schärfe, ihr zumeist spöttischer Witz und ihre treffsichere Pointiertheit. Leider kann ich hier aufgrund des 70 Jahre nach dem Tod geltenden Urheberschutzes nur eine Handvoll Aphorismen von ihm wiedergeben.
„Der Mensch: ein durch die Zensur gerutschter Affe.“
aus: Verärgerte Logik. Carl Hanser Verlag, München 1969
„Objektivität und Mut wachsen in direktem Verhältnis zum Quadrat der Entfernung.“
aus: Verärgerte Logik. Carl Hanser Verlag, München 1969
„Philosemit: Ein Antisemit, der die Juden trotzdem gern hat.“
aus: Verärgerte Logik. Carl Hanser Verlag, München 1969
Die Beispiele zeigen, wie Laub arbeitete: „Aphorismen entstehen nach dem gleichen Rezept wie Statuen: Man nehme ein Stück Marmor und schlage alles ab, was man nicht unbedingt braucht.“ (der einleitende Aphorismus zu „Verärgerte Logik“ von Laub). Die Kürze und Komprimiertheit seiner Aphorismen beruhen auf intensiver Konzentration.
Subversive Leichtigkeit
Obwohl Laubs Aphorismen oftmals harte moralische Definitionen darstellen, bilden sein Humor und seine überraschenden Pointen ein effektives Gegengewicht und verleihen seinen Aphorismen eine gewisse Leichtigkeit. In einer Gegenwart, die nicht selten im Morast aus Meinungsmache und selbstgefälliger Pose steckenbleibt, liest sich Laub wie eine Einladung zu intellektueller Hygiene. Man spürt: da spricht einer, der wusste, wie verführerisch Ideologien klingen und wie gut sich Macht hinter harmlosen Begrifflichkeiten tarnt. Meine Empfehlung an Aphorismen-Interessierte lautet: Lest Laub!
18.11.2025
Zitate gemäß § 51 UrhG (Zitatrecht); Urheberrecht gültig bis 03. 02. 2068 (70 Jahre nach Laubs Tod).

